Programm 2007

Bündnisgrüne Grundsätze einer Kultur des Alterns

Stand Februar 2007

Wir Grünen Alten wollen unser Wissen und unsere Erfahrungen aktiv einbringen und uns in Solidarität mit den Jungen den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft stellen. Grundlage unseres Handelns ist die Mitverantwortung für den Bestand und die demokratische Weiterentwicklung unseres Sozialstaates.

Wir haben die eigenständige Vereinigung “GRÜNEN ALTEN“ mit dem Ziel gegründet, dass wir selbst unsere persönlichen und politischen Anliegen vertreten und offensiv für eine neue, positive Kultur eines langen Lebens einstehen. Wir setzen uns für Freiheit und gleiche Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger und den Schutz der Umwelt ein. Wir folgen dem ökologischen Leitgedanken der grünen Bewegung und orientieren uns am Grundsatzprogramm von Bündnis 90 / Die Grünen.

Wir sind überzeugt, einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Gesellschaft zu leisten und haben uns folgendes Programm gegeben:

1. Selbstbewusst und eigenverantwortlich leben – auch im hohen Alter

Wir entsprechen weder dem Klischee der armen hilflosen Alten noch dem der politisch ignoranten Alten, die ihr Vermögen horten und den Jungen nichts gönnen. Wir sind in unseren Bedürfnissen und Zielen so unterschiedlich wie andere Generationen auch. Wir wollen die Lebenszeit in der Altersphase bewusst und sinnvoll gestalten und so lange wie möglich aktiv und verantwortungsbewusst an den gesellschaftlichen Entwicklungen teilnehmen.

2. Selbst bestimmt wohnen – Gemeinschaft und Nachbarschaft pflegen

Die Mehrzahl der Stadtquartiere und Siedlungen sind autogerecht und durch vielfache Barrieren, Lärm, Unfallgefahren und mangelnde Erholungsräume wenig menschengerecht gestaltet. Die Kommunen müssen diese Situation für Jung und Alt ändern.
Bei Hilfs- und Pflegebedürftigkeit wollen wir uns ein Höchstmaß an Eigenständigkeit und Würde bewahren und so lange wie möglich in der eigenen Wohnung, in nachbarschaftlich oder gemeinschaftlich organisierten Wohnformen oder Pflege-Wohngemeinschaften unseren Lebensabend verbringen.

Von den Kommunen erwarten wir ein altenfreundliches Wohnumfeld, leicht erreichbare altengerechte Mobilitätsangebote und wohnungsnahe Handels- und Versorgungseinrichtungen. Siedlungen ausschließlich für Ältere lehnen wir ab.

3. Ältere Migrantinnen und Migranten

Die Altenpolitik muss sich auf die sehr heterogene Gruppe der Migrantinnen und Migranten einstellen, die aufgrund ihrer verschiedenen ethnischen, religiösen und kulturellen Herkunft sowie ihrer unterschiedlichen sozialen Lebenslagen keine einfachen Standardlösungen ermöglicht. Wir setzen uns für eine interkulturelle Öffnung und Modernisierung der Altenhilfe durch gezielte Kooperation mit Migranten-Organisationen, Beratungsstellen für Migranten und Selbsthilfeorganisationen ein.

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4. Erwerbsarbeit verlängern und Renteneintrittsalter flexibilisieren

Wir können uns alle darüber freuen, dass wir im Vergleich zu vorherigen Generationen ein langes Leben haben werden. So wird bis zum Jahre 2030 die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern und Frauen um weitere 3 Jahre steigen.

Trotz dieser Entwicklung sind in den letzten Jahren ältere Erwerbstätige systematisch aus dem Arbeitsleben ausgegliedert worden , obwohl gleichzeitig die Geburtenrate ständig gesunken ist.

Die bisherige Regelaltersgrenze von 65 Jahren gilt bereits seit neunzig Jahren und wurde bisher nicht an die längere Lebenserwartung und die damit verbundene längere Rentenbezugsdauer angepasst.

Aus Solidarität der Alten mit den Jungen sind daher das Rentensystem und das Beamtenrecht auf Erwerbszeiten bis 67 Jahre einzustellen, weil sonst der Rentenbeitrag zu hoch und eine angemessene Rentenzahlung nicht mehr finanzierbar ist. Konkret soll eine schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze von heute 65 Jahren auf 67 Jahre bis 2029 in Monatsschritten eingeführt werden.

Allerdings plädieren wir dafür, dass die Regelaltersgrenze für eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente weiterhin bei 63 Jahre belassen wird, damit Beschäftigte, die eine schwere körperliche oder gesundheitsbelastende Arbeit leisten, nach wie vor eine existenzielle Sicherheit haben, auch wenn sie frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden müssen.

Gleichzeitig nimmt die Diskussion um eine Flexibilisierung der Altersgrenzen insbesondere bei den älteren Menschen immer mehr zu. 61 Prozent wünschen sich, das Renteneintrittsalter selbst wählen zu können. Das individuelle flexible Rentenalter ist zwar bereits heute möglich, aber wahrscheinlich zu wenig passgenau auf unterschiedliche Lebensentwürfe abgestimmt. Neue individuelle Regelungen sollten daher entwickelt und eingeführt werden.

Die Rentenversicherungsberichte sollten zukünftig auch über die Erwerbstätigenquote der über 55-Jährigen einen Überblick geben. Sollte sich herausstellen, dass die angestrebte Integration der Älteren auf dem Arbeitsmarkt nicht erfolgreich ist, müssten weitere Maßnahmen in dieser Richtung eingeleitet und umgesetzt werden.

5. Wissen und Erfahrung austauschen – lebenslang lernen

Viele ältere Menschen haben in langen Berufsjahren strategisches Denken, Handlungskompetenz und soziale Kompetenz erworben, haben aber auch vielfachen Lernbedarf, z. B. am Computer und im Internet. Wissensaustausch, Training und Mentoring zwischen Alt und Jung sollte sowohl im Beruf als auch außerhalb systematisch gefördert werden. Bisher unterrepräsentierte Gruppen wie Migranten und Menschen mit Behinderungen sind verstärkt einzubeziehen.

Gegen das “Risiko einer Überalterung“ schaffen wir durch gemeinsame Aktivitäten von Jung und Alt neue Chancen für unsere Gesellschaft.

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6. Das Recht auf Kultur für alle Generationen

Stabilität und Attraktivität einer demokratischen Gesellschaft misst sich u. a. an der in ihr zugelassenen und geförderten kulturellen Vielfalt. Wir treten daher für eine Kulturpolitik ein, die nicht allein für kleine Eliten da ist, sondern für junge und alte Menschen, für Großstädter und BewohnerInnen ländlicher Regionen. Die künstlerische Freiheit und der unkomplizierte Zugang zu kultureller Bildung sind entscheidende Merkmale einer Gesellschaft, die den Menschen ein Leben lang Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichen.

Gerade in ländlichen Regionen besteht durch den demographischen Wandel und entsprechende Abwanderung die Gefahr, dass die kulturelle Vielfalt abgebaut wird. Mit Hilfe regionaler Kooperationen sollte diesem Trend gezielt entgegen gewirkt werden.

Folgende Punkte sind uns besonders wichtig:

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Die Aufgabe grüner Kulturpolitik ist es, kulturelle Vielfalt für jedes Alter möglich zu machen. Kultur in ihrer unterschiedlichen Ausdrucksform ist ein Lebenselixier für alle Generationen.
Für alte Menschen mit geringem Einkommen muss der Zugang zur Kultur gewährleistet sein, weil wir Lebensqualität für jedes Alter wollen. Dazu gehören auch die Möglichkeiten sozialer Kontakte und Aktivitäten mit kulturell Gleichgesinnten auszuüben. Dies gilt auch für einen leichteren Zugang alter Menschen an die Universitäten.

Wir begreifen Kultur als einen Lernprozess, in dem der Mensch sein Verhältnis zur Natur und Umwelt definieren und umsetzen kann.
Wesentliche Elemente sind dabei gegenseitiger Respekt, Anerkennung der persönlichen Integrität der anderen, intellektuelle und sinnliche Begabungen, die auch im Alter weiterentwickelt werden können.

Bürgerschaftliches Engagement – Freiwilliges Sozial-Ökologisches Jahr

7.
für Ältere

Wir “Jungen Alten“ wollen nach dem Berufsleben nicht nur Kosten- und Lastenfaktor sein, sondern die uns noch gegebene Zeit gesellschaftlich nutzen. Durch ehrenamtliche, selbstlose Tätigkeiten wollen wir einen Wertewandel erreichen und die Begriffe “Arbeit und Freizeit“ mit neuen Inhalten füllen sowie versuchen, die vorhandenen Gegensätze zu überbrücken. Wir bestreiten, dass das Verhältnis Arbeit-Freizeit für alle Zeiten so organisiert sein muss, wie es sich seit Beginn des Industriezeitalters nach den Wünschen der Arbeitgeber entwickelt hat. Langfristig fordern wir in Solidarität mit den Jungen und besonders den Arbeitslosen eine Arbeitsmarktpolitik, die durch eine gerechtere Umverteilung der Arbeit der technischen Rationalisierung Rechnung trägt und das Verhältnis von Erwerbsarbeit zu anderen Formen gesellschaftlich wertvoller Arbeit neu bestimmt.

Der Sinn des Lebens erschöpft sich nicht in der beruflichen Arbeit im Gegensatz zu einem sinnentleerten Dasein der immer größeren Gruppe der nicht im Produktionsprozess stehenden Menschen. Für uns stehen Familie, Kultur und Zivilgesellschaft gleichberechtigt nebeneinander.

Wir wollen zur Teilhabe aller an der gesellschaftlich notwendigen Arbeit ermuntern. Ältere können sich nach ihren Möglichkeiten vielfach einbringen z. B.:

  • –  in Familienarbeit, Nachbarschafts- und Stadtteilinitiativen,
  • –  als Lese- und Sprachhilfen in Kindergärten und Schulen,
  • –  im Umweltschutz,

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  • –  in der Kommunalpolitik oder in sonstigen politischen Bereichen,
  • –  in karitativen Vereinigungen und NGOs,
  • –  durch Beratung von Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützigen Vereinen.Die Gesellschaft muss allerdings unsere Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement mit freiwilligen Agenturen abrufen und praktikabel organisieren, indem sie Teilhabe – und Gestaltungsmöglichkeiten einräumt.
    Wir wollen analog zum Freiwilligen Sozial-Ökologischen Jahr für die Jugend auch ein Freiwilliges Sozial-Ökologisches Jahr der Älteren schaffen und generationenübergreifende Freiwilligendienste und vielseitige Weiterbildungsangebote fördern.Wir setzen uns dafür ein, dass die Städte und Gemeinden eine nachhaltige Altenpolitik einleiten, indem sie Netzwerke zur Aktivierung von Bürgerschaftlichem Engagement und zur Freiwilligenarbeit initiieren, Bildungsangebote für ältere Menschen unterstützen und älteren Menschen Teilhabe- und Einflussmöglichkeiten in den Seniorenvertretungen und bei örtlichen Pflege- und Gesundheitskonferenzen einräumen.

    8. Eigenverantwortliche Prävention, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit, Krankheit und Sterben würdig gestalten

    Wir treten ein für eine eigenverantwortliche Prävention und ein differenziertes, auf verschiedene Lebenssituationen ausgerichtetes Wohn-, Pflege-, Betreuungs- und Hilfeangebot.

    Wir können durch eine eigenverantwortliche Lebensführung viel zur Vorbeugung von Alterskrankheiten tun und damit die Chancen auf ein lebendiges und geistig aktives Alter erhöhen. Bewegung, Ernährung, kulturelle Aktivitäten und gesellschaftliche Kommunikation sind hierbei von besonderer Bedeutung.

    Selbstgewählte, generationenübergreifende, gemeinschaftliche Wohnformen werden den individuellen Lebensbedürfnissen eher gerecht als traditionelle Großeinrichtungen. Altenheime sind teuer und bergen die Gefahr der Entmündigung. Wir setzen uns für Angebotsformen im Gesundheitswesen und in der Pflege ein, die die Bedürfnisse von Kranken, Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen respektieren. Wir unterstützen das Konzept der “kultursensiblen Altenhilfe“, bei der die Menschen unabhängig von ihrer Nationalität, religiösen, lebensanschaulichen und sexuellen Orientierung im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist für uns eine demokratische Kultur des gegenseitigen Helfens, bei der auch Defizite akzeptiert werden.

    Der Pflegebegriff nach dem Pflegeversicherungsrecht muss erweitert werden und z. B. auch geeignete Angebotsformen für Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, enthalten. Wir fordern einen Unterstützungs-, Hilfe- und Pflegemix, bei dem sich professionelle Pflege, ehrenamtliche Angebote und die Arbeit von Angehörigen ergänzen. Wir wollen Kuren als Prävention und beste Reha-Maßnahmen für ältere Menschen. Daneben benötigen wir Angebote mobiler, ambulanter Rehabilitation. Wir sind gegen eine Vermarktung von Alten für eine teure Medikamenten- und Apparate-Medizin, aber auch gegen eine Altersbegrenzung für notwendige Operationen.

    Zur nachhaltigen Stabilisierung der Sozialversicherung fordern wir eine allgemeine Bürgerversicherung, die Krankheit und Pflegebedürftigkeit absichert und in die alle

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Einkommensarten einbezogen werden. Wir treten für eine rasche Struktur- und Finanzreform des Pflegeversicherungsrechts ein.

Wir wollen es ermöglichen, zu Hause, in einem Hospiz oder in einer Palliativeinrichtung betreut in Würde sterben zu können.

9. Den Zusammenhalt der Generationen zwischen Jung und Alt stärken

Die jüngeren Generationen haben vor allem Sorge um Arbeit und Auskommen. Wir brauchen so einen neuen Generationenvertrag, bei dem Ältere mehr als bisher einen aktiven Teil des gesellschaftlichen Lebens tragen. Wir selbst wollen das uns Mögliche zur Lösung dieser Aufgaben leisten und dadurch den Zusammenhalt der Generationen erhalten. Wir unterstützen deshalb die Anpassung von Renten und Pensionen, die zur Sicherung des Rentensystems notwendig sind.

10. Wir mischen uns ein

  • Wir “DIE GRÜNEN ALTEN“ wollen politisch aktiv sein.
  • Wir mischen uns in die Politik ein, die sowohl uns selbst als auch die gesamteGesellschaft betrifft: Sozialpolitik, Gleichstellungspolitik, Verbraucherschutz, Natur- und Umweltschutz, Bildungspolitik, Gesundheitspolitik, Pflege, das Heimrecht und vieles mehr.
  • Wir wollen sowohl kinderfreundliche als auch altenfreundliche Städte und Dörfer, denn barrierefreie Bürgersteige sind wichtig für Kinderwagen und Rollstühle.
  • Wir engagieren uns für Nachhaltigkeit, für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
  • Wir sind der Ansicht, dass ein Leben in Würde möglich ist, ohne dass der Konsum zum einzigen Lebensinhalt wird, und können vorleben, dass wir durch Konsumverzicht auchden ärmeren Völkern eine Zukunft ermöglichen.
  • Wenn schon Globalisierung, dann auch sozial und ökologisch!
  • An Stelle eines marktwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Denkens mit demmenschenverachtenden Maßstab des “Gebrauchtwerdens“ betonen wir den ethischen Aspekt menschlichen Lebens, das seinen Zweck in sich selbst hat. Der Sinn des Lebens ist nicht die Arbeit schlechthin, der Sinn des Lebens ist das Leben.Für ein langes Leben in einer freien Gesellschaft ohne Krieg und Gewalt sind wir dankbar und wünschen dieses Leben allen nachfolgenden Generationen.