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Lebenslang lernen

man-505353__180Lernen im Alter

Soll „lebenslanges Lernen“ auch im Alter gelten, muss dessen Sinn neu bestimmt werden, denn eigentlich hat man nach der Lehre, spätestens aber nach dem Eintritt in den Ruhestand, ausgelernt und lebt dann bis zum Lebensende. Was ist nun in dessen Nähe das Besondere? Und wie könnte man das nennen?

Auf der Suche nach einem neuen Wort

Für das neue Wort werden zuerst drei Sinnhorizonte aufgezogen: ein pädagogischer, ein gesellschaftlicher und ein individueller:

1.Die Montessoripädagogik verwendet „Offene Form“ und „Freiarbeit“ im Unterricht. Ihr Grundgedanke ist: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Im Mittelpunkt steht das einzelne Kind, es lernt nach seiner eigenen Art, nach seinem eigenen Rhythmus. Dadurch gewinnt es Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und kann so das praktische Leben besser gestalten. Der Lehrende muss sich selbst auch als Lernender begreifen. Kind und Lehrer werden so zu zwei Lernenden. Die Zeitspanne der Erziehung reicht vom Kleinkindalter bis in das junge Erwachsensein. (nach Wikipedia) In Bremen gibt es eine Freie Schule, „eine selbstorganisierte Schule, die von Kindern, Eltern und MitarbeiterInnen solidarisch und gemeinsam gestaltet wird.“ Säulen des Grundschul-Konzeptes sind „selbstgestaltetes, interessegeleitetes Leben und Lernen in altersgemischten Gruppen, die Pädagogik der Vielfalt und die völlige Verschmelzung von Kindergarten und Schule“. Quelle: homepage

2.In der Französischen Revolution war die Parole: Liberté, Egalité, Fraternité. Es ging um die Befreiung vom absolutistischen Staat, um die bürgerlichen Freiheitsrechte und um die Gleichheit aller Menschen. Die Pariser schrieben 1793 an ihre Häuserfassaden: „Einheit, Unteilbarkeit der Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod“. Das Lied „Die Gedanken sind frei“ erschien 1780 zum ersten Mal. „Immer wieder war das Lied in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung Ausdruck für die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit“. Quelle: Wikipedia

3.Im Märchen „Das eigensinnige Kind“, tut das Kind nicht , was die Mutter sagt. Gott straft es dafür mit dem Tod. Im Grab streckt es immer wieder ein Ärmchen hervor, bis die Mutter darauf einschlägt. Das Kind zieht es zurück und findet dann erst seinen Frieden. Dass der „Eigen-Sinn, eigener Sinn, Eigentum an den fünf Sinnen, dadurch auch Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber allem, was in der Umwelt passiert“, so hart bestraft wird, „ist die moralische Antwort auf eine vorausgegangene kollektive Enteignung der Sinne, die nicht geglückt ist“. Auch Antigone in der Tragödie von Sophokles verhält sich eigensinnig. Kreon, der König von Theben verbietet ihr, ihren Bruder zu beerdigen. Da Antigone den Gesetzen ihrer Familie gehorchen will, die eine Bestattung fordern, straft sie der König mit dem Tod. (nach Negt/Kluge Geschichte und Eigensinn). Nach Hegel zeigt das einen Konflikt zweier Sittlichkeiten: „“In der Polis (Theben) nimmt die Sittlichkeit zwei nebeneinander bestehende Formen an, als Sittlichkeit von Familie und Verwandtschaft, verkörpert durch Antigone, und als Sittlichkeit des Stadtstaates, dargestellt durch Kreon“. Quelle: Wikipedia

Selber tun, frei arbeiten, selbst organisieren und so das Leben leben, steht auf dem ersten Horizont, Freisein von Unterdrückung, Gleichsein sowie Gedanken frei denken können, auf dem zweiten und auf dem dritten steht, dass ich es bin, dass meine Sinne entscheiden und ich mich auch der Welt widersetzen kann. Die Übertragung dieser Konzepte auf das Alter ist einfach: Das Montessori-Konzept ließe sich individuell über das frühe Erwachsensein hinaus bis ins Alter hinein verlängern, die Verteidigung der Freiheit, der Kampf gegen Willkür, gilt für alle Menschen , so auch für Alte und die eigensinnige, selbstbestimmte individuelle Handlungsweise ebenso. Der Begriff „Autonomie“ umfasst das alles sehr gut. Er muss nur noch mit dem Begriff „Alter“ verbunden werden:

Die Autonomie des Alters oder die Altersautonomie

Was ist das Besondere an ihr gegenüber der Montessoripägagogik, dem Freiheitswillen aller Unterdrückten dieser Welt und aller frei agierenden Individuen? Oder anders gefragt: Wie scheinen die Freiheit der Kindheit, der Drang nach Befreiung der Völker und die eigensinnigen Individualentscheidung gegen die sittlichen Gesetze im Autonomiebegriff des Alters wieder auf? Dazu bedarf es einer Klärung der beiden Begriffsteile:

In „Über das Alter“ (De senectute, 44 v. Chr.) hat Cicero vier Eigenschaften herausgestellt:

  1. Die Kräfte schwinden. (Man kann nicht mehr das Ruder auf der Galeere bedienen wohl aber das Steuerrad führen.)
  2. Die körperlichen Gebrechen nehmen zu.
  3. Die Lust auf leibliche Genüsse schwindet.
  4. Der Tod ist nahe.

Das wird so mit kleineren Abweichungen durch die gesamte Altenliteratur bis heute durchgezogen. Es sind gewissermaßen die Qualitäten des Alters. Hinzu kommt der Zeitfaktor. Man hat sich angewöhnt, den bisher nicht genau differenzierten 3. Lebensabschnitt nach Alterskohorten – Jahrgangsgruppen mit ähnlichen Profilen – zu unterteilen: Die 1. Kohorte umfasst die 65–75jährigen,die „jungen Alten“, die zweite die 75-85jährigen, die „mittleren Alten“ und die dritte, 85jährige bis zum Lebensende, die „alten Alten“. Für jede dieser drei Kohorten müssen die vier Qualitäten jeweils einzeln berechnet werden. Zur Zeit ist die 1.Kohorte die wichtigste. In ihr versammeln sich die meisten Aktiven des bürgerlichen Engagements. Dazu gehören auch die 68er, damals wie heute nur eine kleine radikale Minderheit.

„Autonomie“ heißt Eigengesetzlichkeit. Zum Horizont dieses Begriff gehört auch der Kategorische Imperativ von Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Diese Übereinstimmung zwischen dem individuellen Handeln und der Staatsraison hält der Realität selten stand. Hinzu kommt, dass sie mit der Idee des eigensinnigen Kindes kollidiert, wo die eigenen Gesetze oft unter Einsatz des Lebens gegen die gesellschaftlichen oder sittlichen Gesetze durchgesetzt werden. (nach Wikipedia)

So bekommt der Begriff Altersautonomie die folgende besondere Bedeutung:

  1. Eine je nach Alterskohorte verschiedene Gewichtung der vier Qualitäten
  2. Eine je nach konkreter individueller Handlung verschiedene Kollision zwischen dem Eigensinn der Person und dem der Gesellschaft.

Damit wird die Altersautonomie zu einem Prozess, zu einer Begegnung, immer einzig, immer anders, gescheitert oder nicht, wachsend wie ein Rhizom, das macht was es will, denn es folgt seiner eigenen Gesetzlichkeit. Hinzu kommt:

  1. Das Konzept, Lehrende und Lernende als Beide lernend zu behandeln, ist noch sehr ungewöhnlich und muss daher erst einmal eingeübt werden.

2.Es kann passieren, dass die Akteure die „Hilfe, damit ich es selber kann“ entweder gar nicht annehmen , weil sie in der Handlung selber alles gelernt haben, was die Erfahrung bietet, oder die Hilfe selbst nicht nützlich ist, denn ihr fehlt die Kenntnis der Praxis.

„Lebenslanges Lernen“ im Alter wandelt sich so zum „Lebenslangen Leben “ im Alter mit dem Risiko des Scheiterns und des immer wieder neu Beginnens. So verstanden, kann die Metapher „Lebenslanges Lernen“ überleben, denn sie meint auch das.

Bernd Gosau, im März 2014