Integration älterer Flüchtlinge und Migrant*innen

Von Anny Knapp und Marion Kremla für asylkoordination österreich.

Der ganze Bericht unter www. Asyl.at/projekte/endbericht_ecre.pdf

  1. GOOD PRACTICE – MODELLE ZUR AUFNAHME UND INTEGRATION ÄLTERER FLÜCHTLINGE UND MIGRANTEN

5.1 EINLEITUNG Es wurden Fragebögen ausgefüllt. Aus der Beantwortung der Fragebögen geht hervor dass: a) wissenschaftliche Daten zur Situation älterer Flüchtlinge relativ spärlich sind, b) dies ebenso für Programme, die sich auf ältere Flüchtlinge spezialisieren zutrifft, c) auch wenn solche Programme existieren, Flüchtlingshilfsorganisationen wenig darüber informiert sind. Allerdings legen mehr Projekte den Schwerpunkt auf die Unterstützung älterer Flüchtlinge als ursprünglich angenommen. Ein großer Teil davon wird von Flüchtlingsorganisationen selbst getragen. Aber auch NGOs der Aufnahmeländer und die Anbieter von Sozial- und Pflegediensten achten immer mehr auf die älteren Mitglieder ethnischer Minderheiten und somit auch auf ältere Flüchtlinge. Auch wenn der Großteil der gefundenen Projekte sich in erster Linie an MigrantInnen wendet, sind diese Projekte auch für Flüchtlinge hilfreich. Denn jede Maßnahme, die getroffen wird, um älteren MigrantInnen den Zugang zu Sozial- und Pflegediensten zu erleichtern, jede Regelung, die auf eine Sicherung des Einkommens auch ohne Pensionsanspruch abzielt, ist auch zugunsten älterer Flüchtlinge. Es muss betont werden, dass der rechtliche Zugang zu den meisten Projekten auf Konventionsflüchtlinge und jene mit anderweitiger Form des Schutzes und der entsprechenden Aufenthaltsbewilligung begrenzt ist. Somit bleibt die Gruppe der AsylwerberInnen von fast allen für ältere Menschen relevanten Leistungen ausgeschlossen.

Good Practise – nachahmenswerte praxiserprobte Modelle – enthalten Programme und Projekte, welche die spezifische Situation älterer Flüchtlinge berücksichtigen, auch wenn sie in vielen Fällen für MigrantInnen konzipiert wurden. Auf einen beträchtlichen Teil der Projekte wurden wir durch die Recherche von Elisabeth Mestheneos aufmerksam, die uns die Unterlagen zu ihrem diesbezüglichen Redebeitrag bei der Konferenz zur Aufnahme und Integration von Flüchtlingen im Rahmen dieses Projekts zur Verfügung stellte.

5.2 PROJEKTE ZUR ÜBERWINDUNG DER SPRACHBARRIERE

Das Erlernen einer neuen Sprache wird mit zunehmendem Alter schwieriger. Dadurch ist es für ältere Flüchtlinge häufig am angenehmsten, Rechtsberatung und soziale Dienste in ihrer Muttersprache angeboten zu bekommen. Trotz der altersbedingten Lernprobleme und einer oft geringen Schulbildung versuchen die meisten, die Sprache des Aufnahmelandes zu erlernen und haben damit auch Erfolg, sofern geeignete Methoden angewandt werden. Dieses Kapitel enthält einige Beispiele von Übersetzungsdiensten und muttersprachlichen Beratungseinrichtungen und präsentiert spezielle Sprachlernmethoden für ältere Flüchtlinge. Muttersprachliche Beratung Rechtsberatungsstellen für Flüchtlinge und AsylwerberInnen beschäftigen oft MitarbeiterInnen mit Flüchtlings- oder Migrationshintergrund. Beispiele dafür sind die zahlreichen Organisationen und Vereine, die von Flüchtlingen selbst gegründet wurden wie z.B. das Armenische Beratungs- und Informationszentrum in London oder der „Golden Years Club“ in London, der von Lateinamerikanischen Flüchtlingen betrieben wird. Aber auch NGOs der Aufnahmeländer beziehen Flüchtlinge als BeraterInnen mit ein, um ein besseres gegenseitiges Verständnis der Beratungsstelle und der KlientInnen zu gewährleisten. Nicht zuletzt wird auch den involvierten Behörden mehr und mehr die Notwendigkeit bewusst, ihre Informationsangebote in mehr als einer Sprache zur Verfügung zu stellen. Die in Großbritannien für Pensionen zuständige ministerielle Abteilung stellt ihre wichtigsten Merkblätter neben Englisch in neun weiteren Sprachen zur Verfügung, darunter: www.caia.org.uk. Einen Überblick über das Ausmaß, in dem diese Praxis in verschiedenen europäischen Ländern üblich ist, bietet die Studie “Refugee Employment in Europe”, durchgeführt vom British Refugee Counci.l- 2002/ Sprachen, die von den größten Flüchtlingsgruppen gesprochen werden (z.B. Vietnamesisch, Arabisch, Punjabi, Urdu) Übersetzungsdienste: Verschiedene Stellen bieten kulturelle Mediation, Übersetzungs- und Dolmetscherleistungen an. In einigen Fällen werden diese Leistungen von Flüchtlingshilfsorganisationen selbst angeboten. Bei einigen Behörden und Ämtern ist es üblich, professionelle Übersetzungsbüros zu nutzen. Regionale Behörden, polizeiliche, gerichtliche oder Gesundheitsbehörden nützen diese Dienste. In Großbritannien übernimmt beispielsweise die Gesundheitsbehörde des Bezirks Hammersmith die Kosten, wenn Gesundheitsberatungsstellen das Übersetzungs- und Dolmetschzentrum in Anspruch nehmen. In Rom schult der italienische Flüchtlingsrat CIRE DolmetscherInnen und nutzt danach ihre Kenntnisse für Übersetzungsdienste. In Belgien wurde ein Netzwerk interkultureller Mediatoren gebildet, welches die Anbieter sozialer Dienste bei den Erstkontakten mit KlientInnen begleitet und hilft, die Heimhilfe vorzustellen und einzuführen. Zusätzlich gibt es einen Markt für telefonische Übersetzungsdienste. Aus Kostengründen ist es unwahrscheinlich, dass diese Dienste auch von Flüchtlingen selbst genutzt werden. Vielfach werden sie aber von Ämtern und Organisationen angefragt, die regelmäßig Kontakte zu Flüchtlingen haben. In der Schweiz finden sich verschiedene Ansätze, die für ältere MigrantInnen Möglichkeiten bieten, sprachliche Barrieren zu überwinden. Professionelle Übersetzungsdienste und kulturelle Mediation – die Organisation „Interpret“ Die Schweizer Vereinigung „Interpret“ ist eine 1999 gegründete Interessensgruppe für die Förderung von Übersetzungsdiensten und kultureller Mediation im Sozial- und Bildungsbereich. Die Organisation unterstützt den Erfahrungsaustausch und fördert die Vernetzung von Personen und Organisationen, die als Übersetzer arbeiten oder mit diesen in den oben genannten Tätigkeitsfeldern zusammenarbeiten.

Schweiz: Ein Gesundheitsratgeber Dieser wird vom Bundesamt für Gesundheit, dem Schweizer Roten Kreuz und der Caritas Schweiz herausgegeben. Die 63-seitige, kostenlose Broschüre gibt Auskunft darüber, was im Notfall zu tun ist, wer als Ansprechpartner in einer Notlage zur Verfügung steht, wer welche Kosten übernimmt, wie sich die Versicherungsprämien senken lassen oder warum zusätzliche Beiträge zu bezahlen sind. Außerdem beantwortet der Ratgeber die 20 am häufigsten gestellten Fragen zum Thema Krankheit. Ein Glossar erklärt wichtige Begriffe aus dem medizinischen Bereich. Schließlich bietet die Publikation eine Adressenliste der wichtigsten Sozialdienste und Hilfswerke. Der Ratgeber erscheint in 19 Sprachen: Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Deutsch, Englisch, Farsi, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Portugiesisch, Russisch, Serbisch, Somali, Spanisch, Tamil, Thai, Türkisch, Urdu, Vietnamesisch. Bereits erhältlich ist er auf Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch.

Sprachunterricht Den 12 für diesen Bericht befragten älteren Flüchtlingen gelang es im Regelfall, ausreichende Sprachkenntnisse für die Bewältigung des Alltags zu erwerben. Bemerkenswert daran ist, dass nur zwei von ihnen angeben, ihre Kenntnisse den besuchten Sprachkursen zu verdanken. Eine Flüchtlingsfrau berichtet im Interview: „Ich wurde oft von den jungen Teilnehmern verspottet und entschied schließlich, aufzugeben. Die unsichere Zukunft spielte bei dieser Entscheidung auch eine Rolle. Momentan nehme ich Privatstunden – zweimal die Woche – bei einer Frau meines Alters, die auch eine Freundin geworden ist.

www.dwp.gov.uk Zum Beipiel prestigenetwork Translation and Interpreting for Ethnic Minority, Asylum Seekers and Refugee Languages, UK, www.prestigenetwork.com / Centre for Interpretation and Translation Access, 271-273 King Street, Hammersmith, W6 9LZ, +02082332829/Hinweis durch Menestheneos Elizabeth: Good Practise-working document (unpublished)/ Interpret, www.inter-pret.ch / Auskunft: Schweizerisches Rotes Kreuz, Iris Stucki, Rainmattstr. 10, 3001 Bern / Interviews für das Projekt “Aufnahme und Integration älterer Flüchtlinge”, Interview 8 33. Den Schluss, den man aus der Erfahrung dieser Frau sowie den Aussagen von zwei weiteren Interviewpartner ziehen kann, ist, dass Einzelunterricht im besonderen Ausmaß den Spracherwerb bei älteren Flüchtlingen unterstützt. Dies war die Methode, durch die jene drei letztendlich ein gutes Sprachniveau erlangten. Eine andere Empfehlung wird von einem Interviewpartner ausgesprochen, der sehr bald nach seiner Ankunft im Aufnahmeland zu arbeiten begann, sich und seine Familie erhalten musste und somit nie die Chance hatte, einen Sprachkurs zu besuchen. Er empfiehlt, dass Sprachunterricht direkt am Arbeitsplatz für Flüchtlinge angeboten werden sollte, so dass sie trotz Schichtarbeit die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen. Im Gegensatz zu den von den Flüchtlingen geäußerten negativen Erfahrungen mit allgemeinen Sprachkursen gibt es bei Sprachunterricht, der spezielle auf ältere Menschen abgestimmte Methoden verwendet, positive Erkenntnisse. Aus seiner eigenen Erfahrung leitet ein Beratungsteam für Projekte für ältere Flüchtlinge in den USA folgende Empfehlungen ab: „Die Bedürfnisse älterer Menschen zu berücksichtigen, bedeutet in erster Linie, dass sie eine Klasse für sich haben müssen. Scham aufgrund verminderter Lernfähigkeit und ebenso das Gefühl, nicht zum überwiegend jüngeren Rest einer Kursgruppe zu passen, sind wichtige Hindernisse einer Teilnahme an gewöhnlichen Kursen. Weiteres muss der Lernstoff, meistens für Erwachsene im erwerbsfähigen Alter konzipiert, geändert werden, um ältere Flüchtlinge für die Situationen, denen sie im Alltag begegnen, vorzubereiten. Ebenso muss der gesundheitliche Zustand aller TeilnehmerInnen berücksichtigt werden. Eine Organisation, die eine sehr individuelle Methode des Sprachunterrichts gefunden hat, ist PREI in Nordschweden. Ihre Lehrmethode beschreibt eine der Mitbegründerinnen folgendermaßen: „Unser System basiert auf einer sehr kleinen Gruppen von 4 bis maximal 10 TeilnehmerInnen. Die grundlegende Methode wird „portfoliemetoden“ genannt, was bedeutet, dass jeder Teilnehmer am ersten Tag eine „Aktentasche“ – allerdings aus Plastik – erhält, um Unterlagen etc. aufzubewahren. Am Beginn jeder Woche haben die KursleiterInnen mit allen ihren TeilnehmerInnen ein Einzelgespräch, in dem die Aktivitäten für die kommende Woche geplant werden. Wenn eine oder einer den Eindruck hat, mehr z.B. an ihrer Aussprache oder an ihrer mündlichen Sprachfertigkeit arbeiten zu müssen, kann dies als Extraziel vereinbart werden. Am Beginn der nächsten Woche gehen beide gemeinsam den Plan durch: haben er oder sie sich verbessert, wenn nicht, warum. Die Methode ist einem Coaching sehr ähnlich. Jeder Teilnehmer plant selbst seine Fortschritte nach seinem oder ihrem eigenen Tempo und Bedürfnissen. Zusätzlich zum normalen Gruppenunterricht gibt es für alle TeilnehmerInnen einen PC mit speziellen dreidimensionalen Programmen, die ursprünglich für AnalphabetInnen geschrieben wurden. Das Programm enthält Bilder, Aussprache und schriftliches Material. Wenn jemand das Wort hört, ist er im Stande, es mit dem Bild zu verbinden und vielleicht zu lernen, wie man das Wort schreibt. Zunächst ist es notwendig, die LehrerInnen in dieser Methode zu schulen, diese Methode anstatt der üblichen Lehrmethoden zu verwenden. Auf kurze Sicht ist es sehr teuer, weil die PC Programme und mindestens zwei LehrerInnen bezahlt werden müssen. Längerfristig war das Projekt dennoch ein großer Erfolg und hat sehr vielen älteren Flüchtlingen geholfen. Langfristig betrachtet bringt dieses vielversprechende Projekt auch finanzielle Vorteile, da die Ausgaben für Dolmetscherdienste reduziert werden können. Chenoweth and Burdick, Refugee 20/1 “Taking into account older peoples’ needs in the first place means that they need to have a class of their own. Shame due to decreased learning capacities as well as the feeling not to fit in a class of mostly younger ones are important barriers to participation in mainstream courses. Then, programs, usually designed for employable adults have to be redesigned to prepare older refugees for the situation the encounter in their everyday life. Also the health state of each student has to be taken into account in terms of the design of the curriculum.” email Nachricht von Roya Razani, Studiefrämjandet i Umea, Ridv. 5, 903 25 Umea 34

5.3.PROJEKTE ZUR INTERKULTURELLEN GESUNDHEITSVERSORGUNG Zunächst ist soziale und medizinische Versorgung eine Frage des Zugangs. Für ältere Flüchtlinge und AsylwerberInnen liegt das wichtigste Hindernis in den Beschränkungen des rechtlichen Anspruchs auf diese Dienste. Bei AsylwerberInnen kommen diese Einschränkungen einem totalen Ausschluss aus dem Sozialsystem nahe. Das zweite Hindernis ist die einsprachige Informationspolitik, die dazu führt, dass sehr viele Leistungen, wie etwa Essenszustelldienste, mobile Krankenschwestern oder Heimhilfen den Flüchtlingen unbekannt sind. Der dritte Grund, warum Flüchtlinge bestehende Angebote kaum nutzen, auch wenn sie dazu berechtigt sind, liegt darin, dass viele dieser Einrichtungen ihren spezifischen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Im folgenden Abschnitt werden einige Modelle gezeigt, wie bestehende Einrichtungen adaptiert werden können, sodass sie für ältere Menschen anderer Kulturen attraktiver werden. Selbst wenn diese Einrichtungen die Bedürfnisse von älteren MigrantInnen in ihrem Angebot berücksichtigen, müssen Flüchtlinge zuerst davon Kenntnis erlangen und darin bestärkt werden, die Angebote auszuprobieren. Sowohl die Flüchtlingsorganisationen als auch die Anbieter sozialer Dienste müssen daran arbeiten, dass letztere sich der Bedürfnisse der verschiedenen Flüchtlingsgruppen bewusst werden. Im Folgenden werden hier zwei Modelle präsentiert, die auf den Bewusstseinsbildungsprozess der Serviceanbieter abzielen. Danach folgen Beispiele von speziell für ältere Flüchtlinge und MigrantInnen erarbeiteten Informationsangeboten.

5.3.1. Sensibilisierung der Anbieter von Sozial- und Pflegediensten

Angesichts der Anzahl der Konferenzen und Publikationen zum Thema interkulturelle Pflege scheint es, als ob das Thema zunehmend auf Interesse der Anbieter stößt. Zumindest werden Möglichkeiten, ältere Flüchtlinge anzusprechen und zu informieren diskutiert und in einigen Fällen werden diese Ideen auch in die Praxis umgesetzt.

Charta zur kultursensiblen Altenpflege

Deutsche Wohlfahrtseinrichtungen legten in der “Charta zur kultursensiblen Altenpflege ihr Bekenntnis zu einem interkulturellen Ansatz in allen ihren Angeboten und auf allen Ebenen dar. Die unterzeichnenden Organisationen haben den Eindruck, dass die älteren Mitglieder ethnischer Minderheiten kaum Gebrauch von den vorhandenen Unterstützungsstrukturen machen und dass dies nicht nur auf sprachliche Barrieren und einen Mangel an Information zurückzuführen ist. Sie sehen auch ein gewisses Unbehagen gegenüber unbekannten Institutionen als ausschlaggebend und die Tatsache, dass deutsche Gesundheits- und Pflegeinrichtungen nicht auf Menschen mit anderem religiösen und kulturellem Hintergrund ausgerichtet sind. Die Charta impliziert einen Aufruf an alle relevanten Akteure im Feld der Altenpflege und Altenbetreuung, dafür zu sorgen, dass Menschen, die Pflege benötigen, diese auch erhalten – auf eine Art und Weise, die mit ihren religiösen und kulturellen Werten vereinbar ist. Die Empfehlungen der Charta betonen die Notwendigkeit, selbstorganisierte Gruppen von MigrantInnen und Flüchtlinge in Entscheidungen miteinzubeziehen und zu fördern. Sie treten auch dafür ein, in der Personalauswahl den Migrationshintergrund von BewerberInnen als einen besonderen Pluspunkt zu sehen und für Trainings hinsichtlich interkultureller Sensibilität für die deutschen MitarbeiterInnen zu sorgen. Cultural Care Kit ist ein Informationspaket für Anbieter von Sozial- und Pflegediensten in Australien. Cultural Care Kit informiert über relevante Flüchtlings- und Migrantengruppen. Die Abschnitte über die einzelnen Herkunftsländer umfassen Hintergrundinformationen über Traditionen und Festtage, über Ernährungsgewohnheiten, über Religion und Sprache, insbesondere auch die für die Pflege und Betreuung wichtigen Phrasen. Weiteres sind kulturspezifische Einstellungen zu stationärer Pflege, Spitälern und Krankheit selbst beschrieben, soweit diese generalisiert werden können.

Älter werden in Deutschland

Fachtagung zu einer Informationsreihe für ältere Migranten, 2001, Hrsg.v. Beauftragte der Bundesregierung Deutschland für Ausländerfragen; Workshop Präsentation und Perspektiven innovativer Projekte zur sozialen Integration älterer MigrantInnen, 2002/ Schweiz: Fachtagung Alter und Migration 1999/ Niederlande: Growing old in a multicultural society, 1998, hrsg von Netherlands Insitute for Welfare and Care 67 Residential care rights (rcr), www.sa.agedrights.asn.au/rcr/publications.html 35

 

5.3.2. Information älterer Flüchtlinge

Wie schon erwähnt, werden verschiedene Methoden angewandt, um ältere MigrantInnen und Flüchtlinge auf das bestehende Unterstützungsangebot aufmerksam zu machen. Die Art und Weise, wie die Anbieter sozialer Dienste einerseits, selbstorganisierte Gruppen oder Vereine von Flüchtlingen andererseits ihre potentiellen KlientInnen ansprechen, unterscheidet sich. Während die Flüchtlings- und Migranteninitiativen ihren Ursprung in ihren jeweiligen Vereinen und Clubs haben und eher um Anerkennung und Förderung der Aufnahmegesellschaft und ihrer Institutionen kämpfen, als um die Anerkennung seitens ihrer Landsleute, sehen sich die anbietenden Institutionen mit dem genau umgekehrten Problem konfrontiert. Schließlich müssen sie den negativen Eindruck widerlegen, den Flüchtlinge tendenziell gerade vom Umgang mit den älteren Menschen in Europa haben.

Ansätze der Serviceanbieter                                                                                                                                Als Beispiel dafür, wie Informationen an die Zielgruppe gebracht werden können, soll hier eine Informationsreihe erwähnt werden, die in den Niederlanden erstmals eingesetzt wurde und anschließend, den jeweiligen nationalen Besonderheiten angepasst, auch in Deutschland und Belgien eingesetzt wurde. Die Informationsreihe wendet sich vor allem an ältere MigrantInnen und ist bis jetzt in Türkisch und Arabisch erhältlich. Die Methode basiert darauf, zuerst jene emotionalen Barrieren anzusprechen, die bewirken, dass ältere MigrantInnen tendenziell ihr „Älterwerden“ verleugnen und somit kaum Vorkehrungen für das höhere Alter treffen. Die erste Barriere in dieser Hinsicht beschreiben die Autoren der Reihe als “Illusion der Rückkehr“. Diese zu überwinden bedeutet, sich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass eine Rückkehr in vielerlei Hinsicht unrealistisch geworden ist – sei es aus medizinischen oder wirtschaftlichen Gründen, sei es, weil keine persönlichen Bindungen an das Herkunftsland mehr bestehen. Als die zweite Barriere wird die Annahme bezeichnet, dass im Ernstfall Familienmitglieder die gesamte Betreuung und Versorgung übernehmen. Als „Illusion der versorgenden Familie“ wird diese Überzeugung insofern bezeichnet, als sich wiederholt herausgestellt hat, dass unter den Bedingungen des Exils die Bindungen zwischen den Generationen loser werden als sie der kulturellen Tradition nach üblich sind. Die Informationsreihe baut auf mehreren Treffen einer fixen Gruppe auf, wobei in den ersten Treffen mit Videos, welche kontroversielle Statements zur Frage der Rückkehr und der intergenerationellen Solidarität enthalten, die oben genannten Themen angesprochen werden. Erst danach erwies es sich als sinnvoll, mit der Informationsarbeit z.B. über Anspruch auf Sozialleistungen oder wie Pensionen im Ausland bezogen werden können, zu beginnen. Zur Informationsarbeit zählt dann auch das Vorstellen von Einrichtungen für ältere Menschen, z.B. mobile Dienste, über die viele MigrantInnen noch nichts gehört hatten. Die Reihe erwies sich, wo immer sie stattfand, als sehr erfolgreich, da das Interesse und der Informationsstand anstiegen. Obwohl die Informationsreihe von einem kulturell gemischten Team durchgeführt wird, kritisieren VertreterInnen von Migranten- und Flüchtlingsorganisationen daran, dass es ein zu teurer und aufwändiger Ansatz sei und dadurch die Durchführung der von MigrantInnen und Flüchtlingen selbst initiierten Projekte wegen der beschränkt verfügbaren Ressourcen behindert wird.

Ansätze von Flüchtlingsvereinigungen                                                                                                                       Ein großer Teil der Bildungs- und Informationsarbeit hinsichtlich der für ältere Menschen relevanten Themen wird für ältere Flüchtlinge von Vereinen und Clubs von Flüchtlingen und MigrantInnen durchgeführt. Bezüglich Großbritannien stellte ein Vertreter des Verbandes älterer Bürger ethnischer Minderheiten fest, dass „das Versagen der öffentlichen Hand zum Entstehen einer großen Zahl von Selbsthilfeinitiativen geführt hat“. Manche Clubs bieten Tageszentren oder auch betreute Wohnformen an. Als Beispiel wird das Programm des armenischen Seniorenclubs vorgestellt: Der Club ist zwei Mal pro Woche geöffnet und jede/r über 65 kann kostenlos vorbeikommen und teilnehmen. Beim Programm hat man die Auswahl zwischen regelmäßigen Aktivitäten, wie z.B. Bingo.( Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen: Älter werden in Deutschland: Fachtagung zu einer Informationsreihe für ältere Migranten, 2001; Konferenzdokumentation The mentioned critic refers to a private discussion taking place at a conference where this model was presented / Standing Conference on Ethnic Minority Senior Citizens / BRC: Age in Exile, p20 36 )     und anderen Spielen, armenischem Tanz, Singabenden, gemeinsamem Lunch und besonderen Veranstaltungen. Zu diesen zählen z.B. ein Gespräch über die Bedürfnisse älterer Menschen mit einer Vertreterin des Sozialamts oder Abende mit ExpertInnen sowie Videos zu bestimmten Themen, z.B. Gesundheitsförderung oder Schutzvorkehrungen gegen Einbrecher. Die Veranstaltungen werden möglichst lebendig gestaltet. So beinhaltet beispielsweise ein Abend zum Thema Gesundheitsförderung nicht nur einen Vortrag mit Ernährungsempfehlungen, sondern auch eine Verkostung verschiedener gesundheitsfördernder Nahrungsmittel. Zu den Veranstaltungen zählen auch Aktivitäten die zur Traditionspflege, wie etwa gemeinsames Kochen armenischer Gerichte, – und natürlich werden auch die armenischen Feste gefeiert./ Ähnliche Clubs und Treffpunkte existieren in größeren Städten, entweder für alle Generationen einer bestimmten ethnischen Gruppe oder, seltener, speziell für die Älteren. Zu den in den Fragebögen genannten Organisationen dieser Art zählen ein afghanischer Club in Sofia, Bulgarien; Vereine verschiedener Nationalitäten in Deutschland, wobei einer der aktivsten eine Vereinigung persischer Flüchtlinge ist, zu der auch viele Ältere zählen. Soweit wir wissen, existieren Flüchtlingsvereinigungen in jedem europäischen Land. Daher war es erstaunlich, dass nur etwa die Hälfte der retournierten Fragebögen Angaben zu diesem Thema enthält. Allerdings zielten die Fragen hauptsächlich auf Informationen über spezielle Einrichtungen für Ältere ab, und da Vereinigungen exklusiv für Ältere eher selten sind, ist die geringe Anzahl an Hinweisen nachvollziehbar.

5.3.3. Geeignete Einrichtungen für allein lebende ältere Flüchtlinge Essen auf Rädern. Essenszulieferdienste sind ein häufiger Bestandteil der speziell für ältere Menschen gedachten sozialen Dienste. In einigen Städten wurde dieser Service interkulturell ausgestaltet, sodass die angebotenen Mahlzeiten auch für Flüchtlinge und MigrantInnen ansprechend sind. In West-London findet man somit koschere, vegetarische, asiatische, karibische und andere Gerichte für spezielle Ernährungsgewohnheiten, die an Ältere, die nicht mehr selbst kochen können, geliefert werden.

Da eingeschränkte Mobilität und Sprachschwierigkeiten Dinge wie Einkaufen, Bankwege etc. schwierig machen, spielen freiwillige und bezahlte Hilfsdienste eine wesentliche Rolle und werden von vielen selbstorganisierten Flüchtlingsinitiativen, Freiwilligenorganisationen und kommunalen Behörden zur Verfügung gestellt, um älteren Menschen den Verbleib zu Hause zu ermöglichen.

Sport und Gesundheitsförderung                                                                                                       Körperliche Aktivitäten und Gesundheitsberatung werden von vielen Vereinen und Einrichtungen, die sich um ältere Flüchtlinge kümmern, angeboten und verschiedene Angebote entwickelt, damit ältere Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund an diesen Aktivitäten teilnehmen. So wurden Sportkurse speziell für die Gruppe älterer Flüchtlinge entwickelt, zum Beispiel Übungen, die für muslimische Frauen passend sind.

Erholungsurlaub für chronisch kranke ältere Flüchtlinge                                                                                          Die Abteilung für Flüchtlinge des Bulgarischen Roten Kreuzes betreut viele chronisch kranke und invalide Flüchtlinge. Der Anteil der Älteren ist besonders hoch, wobei Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen überwiegen. Um ihren Gesundheitszustand zu verbessern, wurde ein Projekt eingereicht, durch das zehn Flüchtlinge von 65 oder mehr Jahren zwei Wochen in einem Rehabilitationszentrum verbringen sollen. Das Zentrum ist auf Herzerkrankungen spezialisiert und bietet den Flüchtlingen zusätzlich zur medikamentösen Standardversorgung ergänzende Behandlungsmöglichkeiten wie Physiotherapie, Thermalbäder und anderen Methoden an.(Centre for Armenian Information and Advice, www.caia.org.uk /Agewell hat einen Sportkoordinator, der sportliche Aktivitäten für ältere Menschen, vor allem für ältere EinwanderInnen und Flüchtlinge organisiert.)

5.4. PROJEKTE ZUR INTERKULTURELLEN GERIATRISCHEN VERSORGUNG                                   Institutionelle Pflege ist generell problematisch, noch mehr aber, wenn sie mit den Heraus-forderungen der Exilsituation verbunden ist. Wenn Alters- und Pflegeheime, trotz stetiger Verbesserung, schon für die meisten Einwohner nichts an Schrecken verloren haben, so schreckt die Aussicht, die letzten Lebensjahre in einem Wohnheim zu verbringen, Flüchtlinge und MigrantInnen [1]noch mehr ab. Auch wenn die Abneigung teilweise auf Informationsmangel zurückzuführen sein dürfte, muss eingestanden werden, dass Angehörige ethnischer Minderheiten im Falle institutioneller Pflege mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Außer den Heimen, die von den Minderheiten selbst geführt werden, haben ältere Flüchtlinge kaum eine Chance, von Pflegepersonal versorgt zu werden, mit welchen sie in ihrer Muttersprache kommunizieren können. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass sie Landsleute unter den BewohnerInnen eines “gewöhnlichen” Heims finden. Allerdings gibt es auch Einrichtungen, die von Flüchtlingen und MigrantInnen selbst gegründet und/oder geführt werden.

5.4.1.Wohnheime für ältere Flüchtlinge                                                                                                                    Von den Wohnheimen für ältere Flüchtlinge, über die oben in dem Abschnitt über Untersuchungs-ergebnisse referiert wurde, sind manche noch in Betrieb, andere wurden geschlossen oder stellen sich als zu wenig genutzt heraus. Auch die britische Gesetzgebung, die den Einrichtungen teure bauliche Standards vorschreibt, könnte zur Schließung einiger Häuser geführt haben, da die erforderlichen Umbauten und die weitere Erhaltung nicht finanzierbar gewesen wären. Wie auch immer, diese Modelle institutioneller Betreuung, die auf eine Zielgruppe mit spezifischen kulturellen und traditionellen Wünschen zugeschnitten sind, sind trotz neuer Entwicklungen in der Altenpflege und obwohl das „klassische“ Modell des Altersheims etwas antiquiert erscheinen mag, eines genaueren Blickes wert. Rowfant House – ein Heim für lettische Senioren und andere Rowfant Houses   wurde 1953 gegründet und wird von der Lettischen Evangelischen Kirche London geführt. Obwohl die Kirche es führt, beherbergt das Wohnheim Menschen verschiedener Religions-zugehörigkeit, denen in gleicher Weise ermöglicht wird, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen. Momentan leben 27 Bewohner dort, 17 davon im Wohnheim, wo Krankenpflegepersonal zur Verfügung steht, während die zehn anderen im sogenannten „Haupthaus“ mit weniger intensiver Betreuung auskommen. Gewöhnlich gibt es eine Warteliste, die momentan acht BewerberInnen umfasst. Als vor einigen Jahren die Nachfrage geringer war, kamen mehr gebürtige Engländer hinzu, die nun etwa ein Viertel aller Bewohner ausmachen. Nach dem Direktor des Hauses verursacht dies keine Probleme. Hinzuzufügen ist allerdings, dass alle lettischen BewohnerInnen gute Englischkenntnisse haben. Zur Belegschaft zählen britische und lettische MitarbeiterInnen. Da das Haus von einem großen Park umgeben ist, sind Spaziergänge und Gartenarbeit regelmäßige Beschäftigungen. Daneben werden Ausflüge und spezielle Veranstaltungen organisiert, zum Beispiel ein Konzert lettischer Musiker. Bemerkenswert ist, dass einige der derzeitigen Bewohner bereits seit über 30 Jahren im Haus leben und sich dort mehr zu Hause fühlen als überall sonst. Dem Direktor zufolge ist es nicht nur die Gesellschaft von Menschen der gleichen Muttersprache, die attraktiv ist, sondern es ist die Möglichkeit, verstanden zu werden – in einem über die sprachliche Bedeutung hinausgehenden Sinn – dadurch, dass die lettischen BewohnerInnen während des Krieges dieselben traumatischen Erfahrungen durchlebt haben

Wohnheime für “neuere” Gruppen älterer Flüchtlinge                                                                                           Es gibt beträchtliche neue Gruppen von Flüchtlingen, wie z.B. Chilenen oder Vietnamesen, die sich nun mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie sie am besten ihre nun fern von der Heimat alt werdenden Landleute unterstützen, die zunehmend betreute Wohnmöglichkeiten brauchen. Die vietnamesische Vereinigung An Viet Housing Association hat spezielle Wohnformen für ältere VietnamesInnen in London entwickelt. Ein weiteres Beispiel ist das Niederländische Pflegeheim/ Telefoninterview mit Mr. Kadiyski, Direktor d. Rowfant House, December 2002 38 „Transvaal“.       Als mehr und mehr Menschen der älteren Generation surinamesischer Einwanderer aufgenommen wurden, war zu beobachten, dass diese neuen BewohnerInnen Schwierigkeiten hatten, sich einzufügen. Daher wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, Veränderungsmöglichkeiten diskutiert und umgesetzt: Zweisprachige MitarbeiterInnen wurden aufgenommen, der Speiseplan an den surinamesischen Geschmack angepasst, ohne aber typisch niederländische Gerichte ganz zu streichen. Die täglichen Abläufe orientieren sich nun an den religiösen Verpflichtungen der BewohnerInnen. Beispielsweise beten Hindus üblicherweise vor Sonnenaufgang und werden daher gewaschen, wenn es noch dunkel ist. Muslismische BewohnerInnen werden gleichermaßen nicht während ihrer Gebetszeiten gestört. Anders als das oben beschriebene Rowfant House wurde Transvaal erst 1992 an die steigende Nachfrage älterer Leute mit asiatischer Herkunft angepasst.

5.4.2.Unterstützung für Pflegende                                                                                                               Unterstützung für pflegenden Angehörige, speziell für jene, die an Demenz oder an der Alzheimer’schen Krankheit Leidende versorgen, scheint für Angehörige von älteren Flüchtlingen ungeeignet oder gar nicht existent zu sein. Bei Age Concern Schottland arbeiteten die zwei auf Demenzerkrankungen spezialisierte Organisationen an der Universität Stirling zusammen, um Unterstützungsprogramme für nicht in Großbritannien geborene DemenzpatientInnen und deren Angehörige zu entwickeln. Weiteres bietet die Organisation Jewish Care Scotland ein Pflegeprogramm für die jüdische Minderheit an, die auch Flüchtlinge umfasst. Unterstützung für Pflegende wird auch vom armenischen „Centre on Armenian Advise und Information“ zur Verfügung gestellt, wo zum Beispiel ErsatzpflegerInnen einspringen können, um den Angehörigen eine Pause von ihrer belastenden Aufgabe zu ermöglichen. Alzheimer’s Concern Ealing, ebenfalls in Großbritannien, bietet Wochenenden für asiatische PatientInnen und PflegerInnen an, mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten, unterstützt von zweisprachigem medizinischen Personal. /Netherlands Institute on Care and Welfare,S.26 77 Dieser Abschnitt wurde dem Dokument von E. Mestheneos’ entnommen: Good Practise towards older refugees, 2002 78 Scotland Action on Dementia und Dementia Services Development Centre Netherlands Institute on Care and Welfare, p.55 39/

5.5. PROJEKTE ZUR FÖRDERUNG PSYCHISCHER STABILITÄT UND SELBSTAUSDRUCK                          Die psychischen Belastungen, denen ältere Flüchtlinge ausgesetzt sind, sind vielfältig, da alters-bedingte Probleme und die Belastungen des Exils sich addieren. Rollenverlust und somit ein Mangel an sinnstiftenden Aufgaben, Abhängigkeit von anderen in vielerlei Hinsicht und eine gewöhnlich schlechte finanzielle Situation – dies sind nur einige der Faktoren, die Depressionen verursachen können. Zusätzlich besteht die Tendenz, dass in früheren Jahren erlebte Traumata im Alter wiederkehren. Der Tod naher Freunde, schwindende Gesundheit und andere Verlusterfahrungen können als Auslöser wirken, die Vergangenheit zurückzubringen. Diesbezügliche psycho-therapeutische Hilfe kann auf verschiedene Weise und auf verschiedenen Ebenen angeboten werden.

5.5. PROJEKTE ZUR FÖRDERUNG PSYCHISCHER STABILITÄT UND SELBSTAUSDRUCK                          Die psychischen Belastungen, denen ältere Flüchtlinge ausgesetzt sind, sind vielfältig, da altersbedingte Probleme und die Belastungen des Exils sich addieren. Rollenverlust und somit ein Mangel an sinnstiftenden Aufgaben, Abhängigkeit von anderen in vielerlei Hinsicht und eine gewöhnlich schlechte finanzielle Situation – dies sind nur einige der Faktoren, die Depressionen verursachen können. Zusätzlich besteht die Tendenz, dass in früheren Jahren erlebte Traumata im Alter wiederkehren. Der Tod naher Freunde, schwindende Gesundheit und andere Verlust-erfahrungen können als Auslöser wirken, die Vergangenheit zurückzubringen. Diesbezügliche psychotherapeutische Hilfe kann auf verschiedene Weise und auf verschiedenen Ebenen angeboten werden.

 

5.5.1. Psychotherapie für Folterüberlebende                                                                                                   Angebote für Folter- und Kriegsüberlebende existieren in den meisten europäischen Ländern, entweder an speziellen Beratungsstellen oder bei darauf spezialisierten PsychotherapeutInnen. Diese Angebote wenden sich an Flüchtlinge jeden Alters. Psychotherapie ist für Flüchtlinge meist ungewohnt. Im Gegenteil, allein das Wort ruft eher Assoziationen zu Geisteskrankheit hervor und insofern kann der Rat, psychotherapeutische Behandlung aufzusuchen, als Beleidigung aufgefasst werden. Dies und das oft gemeinsame Auftreten von psychischen und physischen Symptomen führt dazu, dass der erste Kontakt mit psychotherapeutischen Einrichtungen häufig über körperliche Beschwerden hergestellt wird. Dies wird am Beispiel der psychosozialen Ambulanz ESRA in Wien deutlich, die auch eine Abteilung für Schmerzpatienten umfasst. In den meisten Fällen haben die Schmerzen keine körperliche Ursache, sondern sind durch Traumata und Verlusterfahrungen bedingt. Aufgefordert über ihre Schmerzen zu sprechen, aber auch über ihre persönliche Lebensgeschichte, öffnen sich die PatientInnen gegenüber einem Verfahren, das sie, wäre es ihnen als Psychotherapie präsentiert worden, abgeschreckt hätte.

5.5.2.Selbstausdruck                                                                                                                                                       Die Moblilisierung der kreativen Kräfte älterer Flüchtlinge kann als sinnvolle Beschäftigung dienen, aber darüber hinaus auch als therapeutische Methode. Handwerkliche Tätigkeiten als Beschäftigungsmöglichkeit sind ein üblicher Bestandteil eines jeden der zuvor erwähnten Heime und Tageszentren. Mit Kunst und Kunsttherapie arbeitet die lateinamerikanische Vereinigung „Golden Years Club“. Ein Projekt, das verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten umfasst, wird demnächst von der niederländischen Organisation Stichting BMP begonnen. Nach einem vorangehenden Projekt, in dessen Zentrum Interviews mit älteren Flüchtlingen standen, wurde dem Team klar, dass bis dato das Potential und die Ressourcen ihrer InterviewpartnerInnen viel zu wenig sichtbar geworden war – sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die Flüchtlinge selbst. Das Projekt wird demnach ältere Flüchtlingen dazu ermutigen, ihre Erfahrungen, ihre Lebensweisheit und ihre Kreativität in Theaterstücke, Musik, Gedichte, Bilder etc. umzusetzen.

5.5.3.Selbsthilfegruppen                                                                                                                              Selbsthilfegruppen wurden vor allem von Holocaustüberlebenden eingerichtet, mit oder ohne die Teilnahme von PsychotherapeutInnen. Aber auch eine Vereinigung polnischer Frauen in Edinburgh, die schon 1947 gegründet worden war, ist immer noch ein bedeutender Punkt im Leben polnischer Frauen im Exil.

5.5.4.Erinnerungsarbeit                                                                                                                                        Erinnerungsarbeit-Projekte können mehrere Ziele verfolgen. Für die Flüchtlinge selbst kann das Wiederaufrufen der Erinnerungen dazu beitragen, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, wenn ein Blick zurück schmerzvolle Erinnerungen wieder an die Oberfläche schwemmt. Wenn ein Output der Erinnerungsarbeit auch für die Öffentlichkeit verfügbar gemacht wird, dann kann das Projekt auch zu einem tieferen Verständnis für Flüchtlinge beitragen. Erinnerungsarbeit wird in verschiedenen Formen betrieben. Ein niederländisches Projekt konzentrierte sich beispielsweise auf einen multikulturellen Stadtteil und arbeitet mit drei national verschiedenen Gruppen, um so das Puzzle dieses Stadtteil aus den verschiedenen Perspektiven zusammenzusetzen: mit Älteren aus der Türkei, aus Marokko und aus den Niederlanden. Die Gruppen arbeiteten zuerst getrennt voneinander und wurden dann in einer zweiten Phase zusammengebracht. Aus dem zweijährigen Projekt resultieren unter anderem ein Video und eine Ausstellung im Stadtmuseum, die auf großes mediales Interesse stießen. Erinnerungsarbeit speziell mit Flüchtlingen aus Vietnam wurde als regelmäßige Aktivität eines vietnamesischen Clubs etabliert. Spezialisiert auf Erinnerungsarbeit ist die Organisation Age Exchange Reminiscence Centre, deren Projekte sich an verschiedene Flüchtlingsgruppen wenden, je nach dem aktuellen Projekt. Was immer das Thema ist, das Anliegen der Organisation ist, ihrem Selbstverständnis zufolge „die Qualität des Lebens älterer Menschen zu verbessern, indem der Wert ihrer Erinnerungen betont und für Jung und Alt deutlich gemacht wird, durch neue Kunstansätze, bildende und therapeutische Aktivitäten“   (NIZW/NPS: Een Buurt vol Verhalen. Presented at the conference „Presentation and perspectives of innovative projects for the social integration of older migrants, 2002. 83BRC: Age in Exile,S.37 ff 84/ www.age-exchange.org.uk “aims to improve the quality of life of older people by emphasising the value of their reminiscences to young and old, through pioneering artistic, educational and therapeutic activities”)

5.6 PROJEKTE ZUR FÖRDERUNG SOZIALER KONTAKTE

Liz Mestheneos beschreibt in ihrer Sammlung empfehlenswerter Projekte für ältere Flüchtlinge die Wichtigkeit von Nachbarschaftshilfeprojekten: “Angesichts der Tatsache, dass Sozial- und Pflegedienste oft nicht in der Lage sind, alle Bedürftigen zu erreichen, und dass eines der stärksten Probleme die ausgeprägte Einsamkeit älterer Flüchtlinge ist, stellen solche Projekte ein wichtiges Tätigkeitsfeld für Ehrenamtliche dar“.

5.6.1.Kontakt zwischen älteren Flüchtlingen und der Aufnahmegesellschaft                                        Ein Ansatz zu einem besseren gegenseitigen Verständnis verfolgt ein gemeinsames Projekt des dänischen Altersverbandes und des Dänischen Flüchtlingsrats. Aufgrund der Wahrnehmung weitverbreiteter Einsamkeit in der Gruppe der in Dänemark lebenden älteren Flüchtlinge setzten die beiden Organisationen Schritte, um die regionalen Altenverbände dazu anzuregen, dieser Gruppe mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und zu diskutieren, ob und wie Flüchtlinge in die Aktivitäten der Verbände miteinbezogen werden könnten. Die ersten Erfahrungen dieser Sensibilisierungsphase zeigen, dass das Thema ambivalent aufgenommen wird. Viele verstehen nicht, warum sie sich um Kontakte zu anderen Menschen ihres Alters bemühen sollten, mit denen sie weder durch Sprache noch durch gemeinsame Erinnerungen oder Lebenserfahrungen verbunden sind. Aber viele waren auch sehr interessiert daran, Menschen anderer kultureller Herkunft kennenzulernen und Dinge zu unternehmen, die Menschen trotz der sprachlichen Barriere zusammenbringen: wie etwa gemeinsame Abendessen mit den jeweiligen traditionellen Gerichten oder die Musik der anderen Gruppe zu hören und ihre Tanzschritte zu lernen. Ein ähnliches Austauschprojekt wurde von einem geriatrischen Tageszentrum in Österreich berichtet, das gegenseitige Besuche zwischen den Bewohnern einer Flüchtlingsunterkunft und den Gästen des Tageszentrums organisierte. Nicht nur Essen und Musik wurden geteilt, sondern auch Erinnerungen ausgetauscht. Die alten Menschen aus Österreich erzählten den bosnischen Kindern, wie sie selbst sich als Kinder während des Krieges gefürchtet hatten und die Kinder sprachen darüber, wie es war, gerade die Heimat verlassen zu haben und in einem fremden Land angekommen zu sein.

5.6.2. Kontakte zu Landsleuten                                                                                                                                                                In diese Kategorie passen Vereine und Beratungsstellen, die Aktivitäten wie Videoabende, Diskus-sionen, Vorträge, Ausflüge und ähnliches anbieten. Diese „klassischen“ Herangehensweisen werden in jüngster Zeit ergänzt durch Projekte, die auch neue Medien miteinbeziehen, z.B. die Web Community „Age and ethnicity web“. Die Homepage des Projekts bietet nicht nur relevante Links und praktische Informationen, sondern auch die Möglichkeit, als Mitglied des Netzwerks in verschiedene Chats einzusteigen. Anders als die weiter unten beschriebenen Initiativen zielt eine Wiener Initiative vor allem darauf ab, die Verbindung zwischen den Generationen zu stärken. Dies geschieht an einem Ort, an dem in einer Großstadt Generationskonflikte häufig sind: im Park. Die sogenannte „Parkbetreuung“ arbeitet an einer Verbesserung der gegenseitigen Akzeptanz der verschiedenen Generationen und Kulturen, die in den Wiener Parks zusammenkommen .In diesem Rahmen entwickelten Sozialarbeiterinnen ein Projekt, das ältere Frauen aus der Türkei und arabischen Ländern mit Mädchen und jungen Frauen verschiedener Herkunftsländer zusammenbrachte. Die älteren erteilten den um viele Jahre jüngeren Frauen nicht nur Unterricht im Bauchtanz, sondern weihten sie auch in die Kunst der Bemalung mit Henna ein und halfen bei der Auswahl und Drapierung adäquater Kleidungsstücke. Bezüglich des Kontakts zu Landsleuten desselben Alters wurde das Beispiel des armenischen Clubs zuvor angeführt. Um dieses Bild noch zu ergänzen, soll hier das Angebot an sozialen Aktivitäten von ESRA, dem jüdischen psycho-sozialen Zentrum in Wien vorgestellt werden. Es wendet sich an Ältere (Mestheneos, Elisabeth: Good Practise towards Older Refugees, working document 2002/ “Given that social services are often unable to access all those in need of social and welfare support, and that one of the most striking and difficult problems is extensive loneliness amongst older refugees, befriending represents a very important action for volunteers”./ Age and Ethnicity Web;aeeweb.org/ Projekt Zeitraum, Wien 2002,/www.zeitraum.co.at

Menschen der jüdischen Gemeinde in Wien.                                                                                                            Zu diesen zählen jene, die während der NS Zeit aus Österreich geflohen sind, aber im Alter zurückkehren, als auch ältere Auswanderer aus Russland und den früheren sowjetischen Republiken und auch Flüchtlinge. Trotz dieser Mischung verschiedenster Herkunftsländer, Sprachen und Migrationsgründe versucht die Einrichtung ein Programm anzubieten, das allen gerecht wird. Dieses beinhaltet drei Hauptangebote: • Koscherer Mittagstisch Von Montag bis Freitag wird ein dreigängiges Menü zu günstigen Preisen angeboten. • Cafe´: Zweimal pro Woche gibt es ein „Wiener Cafe´“, das einen Treffpunkt darstellt • Kulturelle Aktivitäten, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Filme etc. Die Gäste können auch eigene Werke vorstellen. • Um mit der Verschiedenheit ihrer KlientInnen umgehen zu können, werden bei ESRA 10 Sprachen gesprochen, z.B. Russisch, Hebräisch, Jiddisch, Serbokroatisch, Polnisch. Zusätzliche Dolmetscher werden hinzugezogen, wenn die Kommunikation in keiner der vorhandenen Sprachen möglich ist. Aufgrund der vielfältigen Schwierigkeiten der Klientinnen, die vom Fehlen eines Aufenthaltsstatus und jeglicher Ansprüche auf Sozialleistungen bis zu schweren gesundheitlichen Problemen und Extremtraumatisierung reichen, wird ein multiprofessionelles Team beschäftigt, das Psychiater, PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen umfasst, die alle eng zusammenarbeiten.

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