Grußwort von Wilhelm Knabe zur Beteiligungsveranstaltung in Frankfurt

Wilhelm Knabe, der am 8.Oktober 95 Jahre alt wird, möchte gern mit seinem Text Traumziel „Erfülltes Alter“ am 22.9. bei uns in Frankfurt dabei sein. Und würde uns gern noch Folgendes sagen: Älter werden allein ist kein Verdienst, doch wer die geschenkten Jahre des Lebens nutzt um anderen zu helfen oder gemeinsame Ziele zu verwirklichen, der wird 100-fach belohnt.

Wilhelm Knabe, Mitbegründer der Grünen und Ehrenmitglied der Bundesgrünen kann mit seinen fast 95 Jahren leider am Samstag nicht zu uns zur Beteiligungsveranstaltung kommen. Er hat den Prozess der Aufnahme in die Partei aber viele Jahre begleitet, verfolgt ihn heute noch und schickt uns eine Grußnachricht, einen Auszug aus einer Rede über das Altwerden. 

Das eigene Alter annehmen

Irgendwann erreicht jeder Mensch ein Stadium, in dem ihn andere für „alt“ einschätzen, was man selbst ja keinesfalls anerkennen möchte. Und alle diese Menschen sehen sich einer Fülle von Werbeversprechen gegenüber, als hätte man ein großes Plakat vor sich auf dem in fetten Lettern geschrieben steht: VORSICHT ALTER. und darunter eine Fülle von Rezepten, wie man jung oder jünger erscheinen kann. In diesem Moment vergessen wir eine Grundtatsache: Alt zu werden ist die einzige Möglichkeit zu überleben. Erst wer dies zugibt, erkennt, dass das Motto des Lebens nur heißen kann; „Alt werden und lebendig bleiben.“

Ich rede hier aus eigener Erfahrung. Bis zum 69. Lebensjahr habe ich stets vermieden, mein Alter zu nennen, weil ich meinte als Junger mehr Chancen im Leben zu haben, ich fühlte mich ja selbst noch jung genug, um das zu beweisen.

Mit 70 änderte sich das schlagartig. Jetzt erwähnte ich gern beim Berichten über Sport und Hobbies scheinbar beiläufig, dass ich schon 70 oder älter sei. War denn das nicht toll, mit 70 noch in den Alpen Ski zu fahren oder an Kroatiens Küste zu surfen? Ja selbst die kleinen nächtlichen Waldwanderungen vom Rumbachtal auf die Felder ringsum erschienen dann schon als etwas Besonderes. Gut, das Skifahren habe ich dann mit 80 aufgegeben, weil eine Verletzung für alte Knochen doch schwerer auszukurieren ist. Aber ich gab nicht einfach auf, sondern machte im Februar 2004 mit meinem alten Skilehrer Erich und unserm früheren Hüttenwirt Helmut eine letzte fröhliche Rundfahrt auf einigen Pisten des Kleinwalsertals.- Volleyball spielte ich letztes Jahr immer noch, aber Schulter und Arm erinnerten mich schmerzhaft daran, dass diese Freude zu teuer erkauft wird.

Merke, auf dem ersten Wegweiser steht: Die Anerkennung des eigenen Alters ist die erste Voraussetzung, ein erfülltes Alter anzusteuern.

Dankbarkeit statt Angst

Oft wache ich morgens auf, dehne mich und sage halblaut. Ich lebe ja noch. Ich kann mich noch bewegen, kann hören und sehen. Ist das nicht eine gro0e Gnade, ein großes Geschenk?

Das Alter annehmen und gestalten

Hermann Hesse hat mit seinem Gedicht „Stufen“ die Abfolge der Lebensphasen unnachahmlich beschrieben. Nur wer sein Alter annimmt, als positive Möglichkeit begreift, kann die neue geänderte Situation erfassen und sie optimal gestalten.

Früh anfangen

Je eher ich beginne, mich aufs Alter vorzubereiten, desto leichter geht das. Entscheidend ist nicht, wie weit ich komme, sondern, ob ich Freude an der Bewegung habe, ob die Art des Sports mir liegt und ob der Körper mitmacht.

 Aber es ist nie zu spät, auch wenn man nicht mehr das gleiche erreichen kann.

Ich selbst bin ein Spätentwickler. Ich lernte erst mit 16 Jahren Schwimmen, mit 36  Jahren Autofahren, (Fliegen allerdings im Krieg schon mit 21!), mit 39 Volleyball in einer Altherrengruppe in Reinbek,  mit 41 Jahren Skifahren im Kleinwalsertal, mit 56 Surfen in Kreta und Katamaransegeln sogar erst mit über 60 an der türkischen Küste. –

Meinem Zahnarzt in Reinbek, der mich 1962 zum Volleyball einlud, bin ich heute noch dankbar.

100 Wege führen zum erfüllten Alter

Wenn Ihnen jemand erzählt, Sie müssten das und das unbedingt machen oder sein lassen , um gesund zu bleiben oder alt zu werden, so glauben sie ihm nicht einfach, sondern prüfen Sie, ob das stimmen und auch für Ihr Leben passen könnte. Dann probieren Sie es einfach aus.

Freunde gewinnen und halten

Freunde sind lebenswichtig, um Ihre Gefühle zu entwickeln, für den geistigen Austausch, für gegenseitige Ermutigung und das Abhalten von unsinnigen Projekten oder idiotischen Lebensweisen. Nur wer offen auf andere zugeht, wird Freunde finden. Sie zu halten, ist noch schwerer, das erfordert ganz einfach Zeit, Nachfragen, wenn man nichts hört und freudiges Weitergeben eigener Erfahrungen in Glück und Unglück.

Suche Kontakte zu Jüngeren

Schöner Kontakt zur Jugend: Wilhelm wurde von Fabian Jaskolla, Sprecher der Grünen Jugend Mülheim, im Auto zur LDK mitgenommen, da Wilhelm nicht mehr alleine reisen kann

Freundschaften aus der Jugendzeit halten am besten. Mit Klassenkameraden und Semesterkollegen aus den Aufbaujahren von 1946 bis 1950 treffen wir uns noch heute. Doch das reicht nicht. Mit wachen Augen durch die Tage gehen oder in neue Lebenskreise – einen Chor , eine Turn- oder Theatergruppe eindringen und schauen, wer eine positive Ausstrahlung auf Sie selbst haben könnte oder wer vielleicht verschämt um Hilfe oder Erlösung aus der Einsamkeit schreit.

Freud und Leid gehören in ein erfülltes Leben

Wer das Leid verbannen will, wird kein erfülltes Alter erleben, denn Freud und Leid gehören zusammen, sie wecken unsere Gefühle, unsere Emotionen, wie die Fachleute schreiben. Wer das Leid nicht annimmt, wird sich häufig gar nicht mehr richtig freuen können. Ohne diese Gefühle wird unser Leben flach, so weh echtes Leid auch tut.

 

 Im Kopf fit bleiben

Das ist auch gar nicht so schwer. Gelegenheiten gibt es unzählige. Nur ein Grundsatz sollte beachtet werden. Ich muss aktiv eingreifen können, zuhören oder lesend aufnehmen und dann reagieren, antworten oder nachmachen, praktisch handeln. Und geht das nicht am besten beim Spielen mit Kindern oder in den Diskussionen einer Bürgerinitiative?

Die Rolle von Kunst und Musik wird oft unterschätzt

Unser Menschsein wird durch Musik und Kunst unendlich bereichert. Klassische Musik habe ich schon immer gern gehabt, aber Bach habe ich erst als Chorsänger in mich aufgesogen. Früher hatte ich nur sporadische Begegnungen mit Malerei und Plastik. Erst in meiner Zeit als Bürgermeister in Mülheim an der Ruhr entdeckte ich bei den zu haltenden Eröffnungen von Kunstausstellungen, dass ich neu sehen und verstehen lernte und anderen diesen Prozess der Wahrnehmung und der Entwicklung von Assoziationen deutlich machen konnte, so dass sie nicht vom Fachmann belehrt wurden, sondern eigenen Fähigkeiten in sich entdeckten.

 Anderen weiter geben

Im Alter blicken wir auf ein so reiches Leben zurück, dass uns selbst oft die Einzelheiten entschwinden. Vielleicht konzentrieren wir uns darauf, was wir an Gutem erfahren oder empfangen haben. Können wir davon nicht ein wenig wieder lebendig werden lassen und es weiter geben. Viele Menschen in unserer Umgebung hungern danach.

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