Text: Christa Möller-Metzger

„Das Beste was den Jungen passieren kann, ist, alt zu werden“, sagt Alexander Kalache, der als der Vater des Age-friendly-City-Netzwerkes der Weltgesundheitsorganisation gilt. Er muss es also wissen! Und spricht nun auf dem 3. Weltkongress der Age-friendly Cities and Communities in San Sebastian, um die Geschichte des Netzwerkes ein wenig zu beleuchten, die 2007 begann. Etwa 1800 Städte und Gemeinden haben sich dem internationalen Netzwerk inzwischen angeschlossen – und die Kanadier*innen haben offenbar den demographischen Wandel und die Bedeutung für die Gesellschaft als erste begriffen. Kanada hat das sogenannte Protokoll von Vancouver aufgesetzt, um weltweit die Bedürfnisse älterer Menschen systematisch zu erfassen und ist sehr früh dem Netzwerk als ganzes Land beigetreten.
Kalache selbst kommt von der Copacabana – die ja oft mit jungen Menschen am Strand assoziiert wird. Copacabana hat aber die älteste Bevölkerung Südamerikas. Deshalb hat sich auch Alexander Kalache sehr früh mit dem demografischen Wandel beschäftigt. Ihm ist die Verbindung von Menschenrechten, Gleichberechtigung und altersfreundlichen Umgebungen wichtig – und dass endlich viel mehr als bisher auch der globale Süden einbezogen wird. Fun Fact am Rande: Ina Voelcker, Leiterin der Geschäftsstelle Internationale Altenpolitik bei der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen in Deutschland), war damals Praktikantin bei ihm, als sich die ersten altersfreundlichen Städte und Gemeinden in Brasilien dem Netzwerk anschlossen.


Etwa 800 Vertreter*innen aus Kamerun und Kanada, Bulgarien und Brasilien, vom Nordpolarkreis und Neuseeland sind nach San Sebastian gereist, um sich auszutauschen. Schon am Vortag des Kongresses geht es los mit einer Diskussion um die UN-Konvention für ältere Menschen.
Silvia Perel-Levin, Vizepräsidentin des NGO (=Nichtregierungs) -Ausschusses für Fragen des Alterns bei den Vereinten Nationen in Genf, betont, dass wir ein Instrument brauchen mit gesetzlicher Bindung. Aktuell wird an der Struktur gearbeitet. Sie fordert die Kongressbesucher*innen auf: „Kommt nach Genf und arbeitet mit. Ihr könnt auch live online dabei sein. Wir brauchen eure Stimmen, join us!“ Und sie wünscht sich mehr starke Stimmen, und zwar nicht nur freundliche! „Keiner soll mehr über Alte lachen, wir müssen stärker auftreten. Und wir müssen uns um Intersektionalität kümmern (=Mehrfachdiskriminierung).“


In San Sebastian fällt auf: Überall in der Stadt stehen Bänke, alle Fußwege sind an den Übergängen abgesenkt und neben Surfern, die mit ihrem Brett barfuß durch die Stadt zum Strand laufen, und vielen Radfahrer*innen sieht man auch sehr viele ältere Menschen mit Rollator, am Arm von Jüngeren oder mit Gehstock spazieren gehen. 24% der Bevölkerung sind über 60.
San Sebastian zählt zu den Orten mit einer sehr hohen Lebenserwartung und war die erste baskische Stadt, die sich dem WHO – Netzwerk angeschlossen hat. Es gibt gemeinsame Wohnprojekte für Jung und Alt und man weiß dort, dass ältere Menschen ein Band für den Zusammenhalt der Gesellschaft bedeuten. Und dass man zu den Leuten, die Unterstützung brauchen, hingehen muss und nicht darauf wartet, dass sie in die Beratungsstellen kommen (oder eben auch nicht)!


Heidrun Mollenkopf ist wie Alexander Kalache eine der Botschafterinnen des Kongresses und Vorsitzende des europäischen Dachverbandes der Seniorenorganisationen in Europa, AGE Platform Europe. Sie erklärt, dass es bisher immer dort gelungen ist, altersfreundliche Umgebungen zu schaffen, wo sich eine starke Persönlichkeit dafür eingesetzt hat. Sie selbst fühlt sich in altersfreundlichen Städten und Gemeinden immer besonders sicher. Schließlich geht es um mehr als z.B. nur Mobilität, genauso wichtig ist ein attraktives und einladendes Umfeld – und zwar für alle Menschen, egal woher sie kommen.
Siri Arntzen-Ratnarajan und Manuela Aguirre haben in Bodø in Nordnorwegen ein Projekt angestoßen. Sie hatten nämlich festgestellt, dass nach jedem Winter, der so hoch im Norden 6-8 Monate dauert, eine Welle der Demenz durch die Häuser ging.
Also befragten sie die etwa 300 älteren Menschen in Bodø, wie sie den Winter verbracht hatten. Viele hatten sich nicht aus dem Haus hinaus getraut, hatten Angst zu stürzen und blieben dann oft allein in ihrer Wohnung. Daraufhin wurde untersucht, wo die meisten Unfälle mit Fußgänger*innen passieren, und man fand schnell die Unfall-Hotspots heraus. Die hat die Stadtverwaltung nun verstärkt im Blick und verschiedene Maßnahmen eingeleitet, um Unfälle zukünftig zu vermeiden. Außerdem wurden diverse Projekte angestoßen – z.B. mit Student*innen, um Wohnsituationen zu verändern, man schaute sich die Lage älterer Migrant*innen an und arbeitet an weiteren Möglichkeiten, Pflege durch altersfreundlichere Umgebungen zu verhindern .


In Madrid, das mit 86 Jahren die höchste Lebenserwartung in Europa hat, läuft gerade eine Kampagne für mehr Respekt und Teilhabe, denn 14% der Älteren leidet dort unter Einsamkeit. Dabei wird auch KI eingesetzt, die aber keine Gespräche mit Menschen ersetzen will. Es werden Digital-Kurse angeboten, z.B. in Form einer Einladung zu Kaffee und Kuchen mit Alexa. Dabei soll vor allem Neugierde geweckt werden. Und man versucht gegen Desinformation vorzugehen, bisher gibt es noch zu wenig Infos speziell für ältere Menschen, die aber besonders häufig auf Fakenews hereinfallen.

Auch in Singapur weiß man schon lange um die Bedeutung des demographischen Wandels. Altersfreundliche Stadtteile werden identifiziert und ausgebaut. Die Regierung ermutigt zum aktiven Altern und klopft sogar an Türen, um Ältere aus der Wohnung zu holen.
In Indien haben Schulklassen Kontakt mit älteren Menschen, die ihnen z.B. Yoga-Übungen zeigen.
Manchester hat vor 30 Jahren den ersten Aktionsplan aller altersfreundlichen Städte gemacht – und es waren dieselben Themen, über die heute immer noch diskutiert wird. Ein Grund mehr für die Bedeutung der UN-Konvention!
Viele Vorträge und Workshops liefen parallel, und es gab zusätzliche Posterpräsentationen. Auch die European Green Seniors hatten eine Posterpräsentation vorbereitet, bei dem unser Vorstandsmitglied Christa Möller-Metzger Einblicke in die Wünsche älterer Menschen in Hamburg gab. Die Doktorandin Adele Grenz von der Universität Oldenburg stellte den deutschen AfCC-Fragebogen vor, mit dem Altersfreundliche gemessen und international verglichen werden kann.


Zum Schluss wurden noch Ausflüge in einige der 90 altersfreundliche Orte im baskische Umland angeboten. Zum Beispiel nach Azkoitia. Dort treffen sich 60plusser*innen und Pflegestudierende zu gemeinsamen Health-Walks (Gesundheits-Spaziergängen). Den Student*innen werden die Stunden als Praktikum angerechnet – gute Idee, oder? Die Health-Walk-Gruppe hat auch dafür gesorgt, dass der querschnittsgelähmte Michel allein einkaufen kann: Vor den Läden im Ort wurden einfach Klingeln angebracht, und er gibt seine Bestellung an der offenen Tür ab! Einfache Lösung, die kaum etwas kostet.
Nach dem Rundgang gab es Wein, Schinken und Tortilla und die Bürgermeisterin kam auch vorbei! Am Ende war noch der baskische Freudenjuchzer zu hören, mit dem man sich früher über weite Distanzen verständigt hat. Gemeinschaft und Traditionen werden hier gelebt – und man ist offen für neue Strategien eines guten Miteinanders!

Das beste am Kongress? Die internationale Vernetzung. Für alle, die mehr Infos wollen: Die meisten Vorträge werden auf der AfC Homepage veröffentlicht, so dass man viel nachlesen kann. Es lohnt sich!

Artikel kommentieren
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.