Der Schock sitzt tief nach der Wahl – ganz so schlimm hatten es viele von uns nicht erwartet.

Ein paar Tage zuvor waren wir Grünen Alten noch in Halle, um dort beim Wahlkampf zu unterstützen. Beim Haustürwahlkampf, Flyern, Abpflastern, an den Ständen. Aus allen Teilen Deutschlands kam sehr viel Support für Sachsen-Anhalt, auch von unseren 60plusser*innen und Grüne-Alte-Gruppen in Riedlingen (bei Ulm), Hamburg, Flensburg, Berlin oder Leipzig…

In Sachsen-Anhalt gaben die Spitzenkandidatin Suse Sziborra-Seidlitz und der Bundesvorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, im Büro der Grünen den Startschuss für den Endspurt: In den letzten 100 Stunden vor der Landtagswahl gingen alle noch einmal von Tür zu Tür. Das Ziel: 100.000 Gespräche bis zum Wahltag am 6. September. Natürlich waren nicht alle Gespräche angenehm, aber viele Menschen freuten sich auch, wenn sie die Türen öffneten. Und als Ältere fiel es uns natürlich besonders leicht, einen direkten Draht zu Senior*innen zu finden, die wir tagsüber oft antrafen.
Am Ende gab es einen Zuwachs von fast 3 Prozent für die grüne Partei. Das war wirklich toll – die Freude wurde jedoch durch das Gesamtergebnis stark getrübt. Die rechtsextreme AfD sicherte sich fast 44 Prozent der Stimmen, mehr als vorhergesagt worden war.
Okay, Sachsen-Anhalt hat derzeit nur rund 2,1 Millionen Einwohner, etwas mehr als die Stadt Hamburg. Aber auch in anderen Bundesländern sind die Prognosen für den Stimmenanteil der AfD hoch.
Und die CDU hat sich verzwergt – dabei ist sie angetreten, den Stimmenanteil der AfD in Deutschland auf die Hälfte zu reduzieren. Stattdessen hat sie ihr eigenes Wahlergebnis halbiert! Wir Grünen haben immer gesagt: Wer die rechte Rhetorik übernimmt, schadet sich nur. Im Zweifelsfall stimmen die Menschen für das Original.
Das Problem ist, dass viele Menschen, die für die AfD gestimmt haben – zum Beispiel diejenigen, die zuvor noch nie gewählt hatten –, nicht aufgrund ihrer politischen Vorstellungen gewählt haben, sondern aus einem Bauchgefühl heraus. Das AfD-Programm kennen viele gar nicht, und es interessiert sie auch nicht. Sie wollen nicht mehr die Verlierer sein, nicht die Loser, die sowieso nichts wissen.
Die AfD nutzt das für ihr Narrativ: Wir lassen uns doch nicht von denen aus dem Westen erzählen, was wir zu tun haben und was nicht. So war es in den USA, so ist es in Sachsen-Anhalt, und so könnte es weitergehen, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
Die AfD hat es geschafft, Menschen, die sich abgehängt gefühlt haben, zu vermitteln: Ihr seid wertvoll, ihr gehört dazu, ihr könnt stolz auf euch und euer Land sein, ihr werdet geschätzt und einbezogen und seid willkommen.
Die AfD hat damit einen langfristigen und sehr professionellen Wahlkampf gemacht. Sie war bei den Menschen, hat zu Würstchen und Bier eingeladen, war nachbarschaftlich auch auf dem Land unterwegs.
Wir kommen mit Argumenten nicht dagegen an.
Was also tun? Wir könnten nahbarer werden: In Sportvereinen, bei Freund*innen, beim Einkaufen. Uns in persönlichen Gesprächen um die Sorgen und Nöte kümmern. Zuhören. Und klar: über ein nettes Beisammensein mit Essen und Trinken freuen sich alle.
Haustürwahlkampf reicht nicht, ist aber natürlich trotzdem eine Chance.

Aufgrund vieler positiver Gespräche in Halle und Wismar wollen wir am 16.9. mit dem Hamburger 60plus Landesverband deshalb noch einmal zur Wahlkampftour nach Mecklenburg-Vorpommern, diesmal nach Schwerin. Meldet euch gern bei Christa MM, wenn ihr mitfahren wollt. (christa.moeller@hamburg.gruene.de).

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